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Call for Papers | Abtreibung und Fehlgeburt: Narrative, Praktiken, Diskurse (Themenheft)
Guest Editors:
▪ Dr. Florian Lützelberger, Otto-Friedrich-Universität Bamberg/University of Oxford
▪ Dr. Agnieszka Balcerzak, Ludwig-Maximilians-Universität München
Abtreibung und Fehlgeburt: Narrative, Praktiken, Diskurse
In La condition foetale (2004) beschreibt Luc Boltanski die Ambivalenz, die die kulturellen und gesellschaftlichen Umgangsweisen mit dem Fötus prägt: Er erscheint zugleich als unsichtbares medizinisches Objekt, als Projektionsfläche sozialer Erwartungen, als rechtlich normiertes Leben im Werden und als intimes Geheimnis. Diese Gleichzeitigkeit des Sichtbaren und Unsichtbaren, des Privaten und Politischen, der Körpererfahrung und der gesellschaftlichen Zuschreibung strukturiert in besonderer Weise auch die Erzählungen und Praktiken rund um Schwangerschaftsabbruch und Fehlgeburt. Damit ist der Fötus nicht nur ein Grenzfall individueller Erfahrung, sondern auch ein paradigmatisches Objekt biopolitischer Regulierung im foucaultschen Sinn: An ihm verdichten sich Diskurse, die über Leben, Körper und Bevölkerung verfügen und so normative Ordnungen von Sexualität und Reproduktion herstellen. Zugleich eröffnet sich ein Spannungsfeld, in dem unterschiedliche Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten aufeinandertreffen: Während juristische und medizinische Diskurse den Fötus in Normen und Kategorien fassen, entstehen in autobiographischen, literarischen oder künstlerischen Darstellungen Räume, die sich der hegemonialen Logik entziehen. In diesem Sinne lassen sich viele Narrative über Abtreibung und Fehlgeburt auch als Formen dessen verstehen, was Lauren Berlant (2008) als counterpublics beschrieben hat: kommunikative Räume, in denen marginalisierte Erfahrungen artikuliert und gegen dominante moralische und politische Ordnungen in Stellung gebracht werden. Schwangerschaftsabbruch und Schwangerschaftsverlust erscheinen so nicht nur als medizinisch-rechtliche Fragen oder individuelle Schicksale, sondern als Schnittstellen, an denen sich Konflikte um Sichtbarkeit, Anerkennung und die Deutungshoheit über den gebärenden Körper verdichten.
Die gegenwärtigen Debatten um Abtreibung und Schwangerschaftsverlust zeigen die Dringlichkeit des Themas. Auf der einen Seite stehen weltweite Verschärfungen des Zugangs zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen: Dazu gehören die 2021 in Kraft getretene restriktive Reform des Abtreibungsrechts in Polen sowie die Aufhebung von Roe v. Wade in den USA im Jahr 2022, die das seit 1973 bestehende konstitutionelle Recht auf Abtreibung beendet hat. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch bedeutende Liberalisierungen, wie etwa die 2018 erfolgte Legalisierung von Abtreibungen in Irland nach einem historischen Referendum oder die Verankerung des Rechts auf Abtreibung in der französischen Verfassung im Jahr 2024. Gleichzeitig bestehen weiterhin intensive Kontroversen über die sogenannte „fetal personhood“ von Embryonen und über staatliche Eingriffe in reproduktive Rechte und Technologien. Diese Debatten werden jedoch nicht allein in juristisch-politischen Arenen geführt, sondern spiegeln sich auch in literarischen, künstlerischen und autobiografischen Auseinandersetzungen wider. Das inzwischen vielleicht prominenteste Beispiel ist Annie Ernaux’ L’événement (2000), das in seiner kompromisslosen Nüchternheit ein zentrales Dokument feministischer Literaturgeschichte darstellt. Zugleich verdeutlicht der Text paradigmatisch, wie literarische Sprache Erfahrungen des Abbruchs und deren gesellschaftliche Verurteilung sichtbar macht und dabei die starke Individualität und Subjektivität solcher Erfahrungen prägnant hervorhebt. Ein ähnliches Anliegen verfolgt auch die portugiesische Künstlerin Paula Rego mit ihrer Serie Untitled. The Abortion Series (1998), einer Reihe großformatiger Pastelle, in der sie eindringlich die physischen und emotionalen Belastungen illegaler Schwangerschaftsabbrüche darstellt. Ihre Arbeiten entstanden unmittelbar im Kontext der politischen Auseinandersetzungen um das damalige Abtreibungsverbot in Portugal und wurden zu einem wichtigen visuellen Beitrag im öffentlichen Kampf, der 2007 in die Liberalisierung des Abtreibungsrechts mündete.
Das geplante Themenheft möchte die Interferenzen und Spannungen zwischen Körper, Medizin, Recht, Ethik, Gesellschaft und Subjektivität in Bezug auf Schwangerschaftsabbruch und Fehlgeburt in den Blick nehmen. Dabei sollen unterschiedliche zeitliche, kulturelle und soziale Kontexte berücksichtigt werden. Das Heft versteht sich als Plattform für eine interdisziplinäre Diskussion, die die lange medizinhistorische und anthropologische Dimension von Abtreibung und Fehlgeburt ebenso ernst nimmt wie deren aktuelle literarische, künstlerische und politische Aushandlungen. Ziel ist es, ein Panorama von Zugängen zu eröffnen, das die Schnittstellen von Körper, Wissen, Normen, Praktiken und Erfahrung in diesem hochsensiblen Feld sichtbar macht.
Wir laden Beiträge aus allen relevanten Disziplinen ein – unter anderem der Sozial- und Kulturanthropologie, Medizingeschichte, Medienwissenschaft, Soziologie, Hebammenwissenschaft, Humanmedizin, Rechts- und Geschichtswissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Filmwissenschaft, Philosophie und Ethik, Gender Studies sowie den Medical/Health Humanities. Dabei sind interdisziplinäre Zugänge willkommen. Ebenso begrüßen wir Beiträge aus aktivistischen Kontexten und aus dem weiteren Umfeld politischer, sozialer oder künstlerischer Praxis, die sich mit Fragen rund um Abtreibung und Fehlgeburt auseinandersetzen. Beiträger:innen könnten sich u.a. mit folgenden Perspektiven auseinandersetzen – oder aber ganz eigenen Fragestellungen entwickeln und eigens gewählten Kontexten nachgehen:
- Praktiken und Körperlichkeiten: Wie gestalten sich alltägliche Praktiken, Rituale und symbolische Ordnungen rund um Abbruch und Fehlgeburt? Welche Rolle spielen Hebammen, Ärzt:innen, Engelmacher:innen, Heiler:innen, religiöse Akteur:innen, Familien und Gemeinschaften? Welche transkulturellen Vergleiche lassen sich ziehen – etwa zwischen lokalen Wissenssystemen, biomedizinischen Diskursen und global health-Programmen?
- Narrative und Repräsentationen: Wie werden Abtreibung und Fehlgeburt in literarischen Texten, autobiographischen und autofiktionalen Erzählungen, künstlerischen Arbeiten, Filmen, digitalen Medien oder performativen Praktiken dargestellt? Welche Metaphern, ästhetischen Verfahren und Narrative von Scham, Schmerz, Schweigen oder Widerstand strukturieren diese Darstellungen?
- Historische und gesellschaftliche Dimensionen: Welche historischen Praktiken – von traditionellen Hausmitteln bis zu modernen gynäkologischen Verfahren – lassen sich rekonstruieren? Wie spiegeln sich rechtliche, medizinische oder religiöse Normierungen in individuellen und kollektiven Umgangsweisen wider? Welche Sichtbarkeits- und Unsichtbarkeitsregime prägen Diskurse über Abbruch und Fehlgeburt in unterschiedlichen Epochen, Kulturen und geopolitischen Kontexten?
- Theoretische Reflexionen: Wie helfen soziologische, anthropologische, kulturwissenschaftliche oder feministische Konzepte (etwa bei Boltanski, Illouz, Berlant, Ross) beim Verständnis von Reproduktion, Körper, Mutterschaft, Subjektivität und Geschlecht? Wie lassen sich intersektionale Perspektiven (Gender, Klasse, Race, Alter, Behinderung, Religion, Sexulaität) produktiv einbinden?
- Methodische Annäherungen: Welche methodischen Ansätze eignen sich zur Erforschung von Abtreibung und Fehlgeburt in unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Kontexten? Wie lassen sich qualitative Verfahren – etwa ethnographische Feldforschung, teilnehmende Beobachtung, problemzentrierte oder narrative Interviews, digitale Ethnographie oder visuelle Methoden – produktiv einsetzen? Welche ethischen Herausforderungen ergeben sich im Umgang mit sensiblen Daten, verletzlichen Gesprächspartner:innen und von Scham, Stigma oder Trauma geprägten Situationen? Wie können Forschende reflexiv mit ihrer eigenen Position, affektiven Involviertheit und den Machtverhältnissen im Forschungsfeld umgehen?
- Affekt, Erinnerung, Verwandtschaft: Welche Formen von Trauer, Gedenken oder genealogischer Neuordnung entstehen im Zusammenhang mit Abbruch oder Fehlgeburt? Wie wirken diese Erfahrungen in individuelle Biographien, kollektive Erinnerungen und Verwandtschaftsstrukturen hinein?
Einreichung und Zeitplan
▪ Abstracts (ca. 350 Wörter zzgl. Literaturangaben sowie kurze bio-bibliographische Angaben; Beitragssprachen: Deutsch und Englisch) bis 31. Dezember 2025 an: florian.luetzelberger[at]uni-bamberg.de @ agnieszka.balcerzak[at]ekwee.uni-muenchen.de
▪ Rückmeldung über die Annahme während der Winterpause 2025/26
▪ Einreichung der vollständigen Beiträge bis 1. Juni 2026
▪ Peer-Review-Verfahren und Überarbeitungen über den Sommer 2026
▪ Geplantes Erscheinen des Themenhefts im Herbst/Winter 2026