Anja Dreschke & Michaela Schäuble 2024. Tarantism Revisited

D/CH 2024 | Farbe, s/w | 105 min.

Trailer TARANTISM REVISITED 2024 (D/CH). Anja Dreschke & Michaela Schäuble. All rights reserved.

Das Phänomen Tarantismus entzieht sich Versuchen definitorischer Präzisierung. Aktiviert ist vielmehr ein breiter Assoziationsraum: Tanzwut, Besessenheit, Exorzismus, Hysterie, Epilepsie. Charakteristisch sind körperlicher Schmerz, apathisches oder aggressives Verhalten, Farbempfindlichkeit, gesteigerter Bewegungsdrang bis zum Kollaps. Solche Symptome werden bereits im mittelalterlichen Europa beschrieben und die christliche Kosmologie liefert den Deutungsrahmen. Sündhafte Verfehlung, teuflische Anfechtung und göttliche Strafe sind somit ebenso im Spiel wie das himmlische Personal der Heiligen, die als Vermittler von Gnade und Heilung in Anspruch genommen werden. In der Moderne wird das Phänomen zur Herausforderung der Wissenschaften, insbesondere der Medizin, Psychiatrie, Ethnologie und Soziologie. Der Begriff Tarantismus hat im Süden Italiens, insbesondere in den Regionen Apulien und Basilicata, seinen Ursprung. Der Biss einer Spinne, Aranea tarantula, von Carl von Linné 1758 nach der Stadt Tarent benannt, soll Auslöser der Krankheitssymptome sein. Hier liegt der Ursprung der Tarantella, eines Volkstanzes im 6/8-Takt, dessen Rhythmus die Kranken scheinbar zwingt, ihr Leiden so lange auszutanzen, bis die vorgebliche Giftwirkung abklingt.

Der ‚besessene Süden‘ wird zum Labor, in dem man nicht nur das ‚andere‘ Italien, sondern auch das ‚andere‘ Europa zu entdecken glaubt. Entscheidenden Anteil daran hat der Philosoph, Folklorist, Kultur- und Religionshistoriker Ernesto de Martino (1908–1965), der mit seinen Studien zu Trauerritualen, Magie und Tarantismus wesentliche Impulse für die Formung der Ethnologie im postfaschistischen Nachkriegsitalien liefert (van Loyen 2016). Unter seiner Leitung erfolgt im Sommer 1959 eine Expedition auf die salentinische Halbinsel. Im Forscherteam sind neben dem Religionshistoriker ein Neuropsychiater, ein Psychologe, ein Ethnomusikologe, zwei Ethnologinnen, ein Soziologe, eine Fotografin und ein Fotograf, sowie de Martinos Lebensgefährtin Vittoria de Palma tätig. Besucht wird u.a. Galatina, eine Ortschaft, in der sich zum Fest des Hl. Paulus (28. & 29. Juni) betroffene Frauen der Region einfinden und Heilung, oder zumindest Linderung im Tanz suchen. Die Forschenden sind hier Zeugen zeremoniell ausgelebter Trancezustände jener rätselhaften „Tanzkrankheit“. In den 1960er Jahren folgen weitere Untersuchungen, die de Martinos Fragestellungen aufgreifen und vertiefen. Von Anfang an misst de Martino der audiovisuellen Dokumentation von Totenklage, Besessenheitszuständen und Heilritualen großen Stellenwert bei, erkennt er doch hier die Möglichkeit, dem städtischen Bürgertum Roms oder Mailands die Lebenswirklichkeit der „Subalternen“ im ländlichen Süditalien eindrucksvoll vor Augen zu führen. Wiewohl de Martino nie selbst hinter einer Foto- oder Film-Kamera steht, befördert er ausdrücklich das methodisch produktive Zusammenspiel von Kinematographie, Fotografie und Ethnografie. Die Sensibilisierung von Filmemacherinnen und Filmemachern für Themen der Ethnologie Süditaliens ist höchst ertragreich und es formt sich ein eigenes Genre, der documentarismo demartiniano bzw. die cinematografia demartiniana. Ästhetisierung, Inszenierung, das theatralische Reenactment von rituellen Vorgängen und Besessenheitszuständen sind dabei die bewusst gewählte Strategie des dokumentarischen Vorgehens. Der poetische Stil, der karge Landschaften und entbehrungsreiche Lebenswelten in pathetische schwarz-weiß Bilder zeichnet, hat großen Einfluss auf die Entwicklung des italienischen Kinos der 1960er und 1970er Jahre (Schäuble 2016). Die Ästhetik dieses Stils entfaltet, wie Tarantism Revisted unter Beweis stellt, bis heute eine eigentümlich theatralische Wirkung.

Ernesto de Martino erkennt in den beobachtbaren Formen des Tarantismus die psycho-sozialen Krisen einzelner marginalisierter Personen. Es ist, schreibt er, die

schlimme Vergangenheit des Einzelmenschen, seine ungelösten, im Unbewussten begrabenen Konflikte, die nun als deutlich neurotische Symptome drohend an die Oberfläche drängen. In der symbolischen Schau der mythischen Spinne und des nach der Musik des „Tanzes der kleinen Spinne“, der Tarantella, geprägten rituellen Tanzes erfahren diese Konflikte ihre kulturbedingte Gestaltung, werden sie abgebogen und gelöst, derart, daß eine seelische Erleichterung folgt und eine Rückkehr zu den alltäglichen Betätigungen ermöglicht wird. Die Zeit des Ritus ist jene der sommerlichen Ernte, also eine höchst bedeutsame Epoche im Leben einer bäuerlichen Gemeinschaft: die unbewältigte, „böse“ Vergangenheit kehrt dann als drohende Gegenwart wieder, ihre Liquidierung erfolgt unter dem Bild eines mythischen Monstrum, das Bisse und Gewissensbisse bewirkt, eines Monstrums, mit dem einerseits eine Identifizierung vorgenommen, gegen das andrerseits angekämpft wird, ja das der tanzende Fuß zertritt und zerstampft (de Martino 2016: 238).[1]

In seiner historischen Rekonstruktion spricht er vom Tarantismus als einem autonomen Symbolgewebe, in dem der Spinnenbiss ein Umstand unter vielen ist. Es ist nicht das Gift der Tarantel, das wirkt, sondern eine eigenständige Symbollogik im „Bild zuckender Aggressivität“ eines mythischen Monstrums. Es könnten der Biss einer Schwarzen Witwe, einer Kreuzspinne, einer Tarantel oder eines Skorpions ihren Beitrag geleistet haben, jedoch sind die Unterschiede dabei nicht ausschlaggebend. Es sind die dunklen Triebe des Unbewussten, denen symbolische Horizonte verliehen werden, „also dem Ansturm der unbewältigten Vergangenheit, deren Wiederkehr sich im neurotischen Symptom zu verkörpern droht, dem Traum einer totalen Erneuerung, erotischer Auslösung, Fruchtbarkeit und Macht zur Zeit der sommerlichen Fruchternte.“ (Ebd.: 243) De Martino verweist auf das Mittelalter als Entstehungszeit des Tarantismus und sieht ethnographische Parallelen in afrikanischen Trance-Kulturen. Durch die katholische Kirche sei der salentinische Tarantismus (im 18. Jahrhundert) an den Kult des Hl. Paulus gekoppelt, und damit kontrollierbar, in seinem ursprünglich reichen Symbolgehalt eingeschränkt und letztlich seiner sozial-integrativen Funktion beraubt worden. Zum Zeitpunkt seiner Forschung beobachtet de Martino in der Paulus Kapelle in Galatina Dinge, „die weder als heidnisch noch als christlich anzusprechen sind, sondern eher an Krankheitserscheinungen ohne jeden beachtenswerten kulturellen Bedeutungshintergrund erinnern. Im Gegensatz dazu war der Tarantismus der Vergangenheit gewiß nicht eine Krankheit gewesen, sondern ein mythisch-rituelles Symbol zur Bändigung der Krise, eine Funktion, die noch in den Resten der häuslichen Kur wirksam blieb. Unter dem zerrüttenden Druck der christlichen Symbolwelt wurde der Tarantismus zur Krankheit, sank er auf den Rang einer pathologischen Krise herab. In solcher Schau ist der Historiker des religiösen Lebens und der Kultur dem apulischen Tarantismus zu einigem Dank verpflichtet: er gibt ihm eine besonders günstige Chance, von Geburt, Funktion, Niedergang und Ende eines bestimmten Symbols, im Rahmen einer gegebenen Kulturform, zu berichten.“ (Ebd.: 253) Als de Martino diese Zeilen 1962 veröffentlicht, erlebt er ein im Untergang begriffenes Ritual. Tatsächlich schwindet in den folgenden Jahrzehnten der Tarantismus und ist heute allenfalls als touristische Folklore zu besichtigen.

In unserer Gegenwart, 60 Jahre später, setzt das Projekt Tarantism Revisited von Anja Dreschke & Michaela Schäuble ein. In zehnjähriger Arbeit (2014–2024) ist ein filmischer Essay entstanden, der die Entdeckungen von Ernesto de Martino und jener mit und nach ihm Forschenden wieder zugänglich macht. Genutzt wurde das reiche audiovisuelle Archiv der Süditalienforschung. Ausgewählt und sorgsam verbunden sind Ausschnitte aus historischen Filmdokumentationen (1958–1982), Fotografien (1952–1965) und Tonbandaufnahmen (1953–1977). Akteure beider Seiten, leidvoll Betroffene und ihre wissenschaftlichen Interpreten, werden sicht- und hörbar. Exaltiert-aggressiv oder tranceartig Tanzende vor und in der Kapelle in Galatina. Erschöpft getanzte weißgekleidete Frauen, die von Helfern beim Fallen gestützt werden, sich auf dem Boden der Kapelle wälzen oder unbefugterweise zum Bild des Heiligen Paulus emporklettern. Ausgelassene Szenen des Festes zu Ehren des Heiligen Donatus in Montesano Salentino, der ebenfalls für Besessene zuständig ist. Fotografische Dokumente von nachgestellter Besessenheit und Tanzbewegungen der Tarantella in einem Hotelzimmer. Musiker, deren Instrumente, Rhythmus und Intonation entscheidend für das therapeutische Gelingen des Rituals sind. Journalisten, die bizarre Rituale einer fernen bäuerlichen Welt ihrem städtischen Publikum zu vermitteln bemüht sind. Wissenschaftler, die ihre Expedition in die bäuerliche Welt Lukaniens rechtfertigen, Parallelen zur Raserei altgriechischer Mänaden anführen, den Mythos von der Besessenheit durch eine Spinne erläutern ebenso wie die Verbindung von Religion und Magie.

Im Mittelpunkt jedoch stehen die Stimmen und Körper jener von einem Skorpion (oder der Tarantel) gebissener Frauen, die von ihrem Leben und Leiden berichten. Es sind Fallgeschichten, in denen körperliche und psychische Symptome ebenso wie Arbeitsalltag und familiäre Beziehungen beschrieben werden. Ausführlich zu Wort kommt Anna, eine ‚tarantata‘, die über lange Jahre einen Briefwechsel mit der Fotografin und Ethnologin Annabella Rossi (1933–1984) führte. Leitmotivisch wiederkehrend werden Briefauszüge vorgelesen, in denen Anna beredt intime Einblicke in ihre Erlebniswelt liefert. Aus ihnen wird nicht nur die spannungsgeladene Beziehung zum geizigen Vater ersichtlich, sondern auch zum Hl. Paulus, dessen Forderungen mitunter als Last erlebt werden, und schließlich zur Ethnologin, auf die kaum erfüllbare Erwartungen an Freundschaft und Nähe gerichtet werden.[2]

Zu Wort kommen schließlich auch Frauen der Gegenwart, die eine Affinität zum Tarantismus empfinden, ohne selbst je von Skorpion oder Tarantel gebissen worden zu sein. Sie berichten von veränderten Bewusstseinszuständen, die im Tanz erlebbar werden, von der Nähe zwischen Tanz und Gebet, von den Möglichkeiten, sein Selbst in rhythmischer Bewegung zu transformieren, Dampf abzulassen, völlig loszulassen und sich von zivilisatorischen Vergiftungen zu befreien. Das Bedürfnis nach Heilung von zivilisatorischen Zumutungen wird hier mit der Revitalisierung einer fast verschwundenen Tradition verbunden. Zu erfahren ist, dass sich eine Initiative in Galatina, der CLUB UNESCO, um die Anerkennung des Tarantismus als immaterielles Weltkulturerbe bemüht, indem, basierend auf den Dokumentarfilmen der 1960er Jahre, der Tarantismus als Reenactment in Tanz-Performances inszeniert wird. Doch nicht nur die Zivilisationsgeschädigten bedürfen der Heilung, sondern auch die zerstörte Natur. Was einst das Spinnengift war, ist heute das Gift, das in Fabriken hergestellt wird und die Umwelt vergiftet, so die ökologische Botschaft, die durch das aktuelle millionenfache Olivenbaumsterben Apuliens an Brisanz gewinnt. Bilder von toten Bäumen, abgestorbenem Zellgewebe und dem verursachenden Xylella-Bakterium unterstreichen die Dramatik der Pflanzenseuche im Film.

Tarantismo Revisited ist für Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit dem Thema nicht vertraut sind, durchaus fordernd. Das Zusammenfügen unterschiedlicher historischer Dokumente, das Springen zwischen verschiedenen Zeitebenen, der Wechsel einer Vielzahl erzählender Akteure und Stimmen, Bilder besessener Körper – all dies wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Dies umso mehr, da der Untersuchungsgegenstand, die ‚Tarantelbesessenheit‘, notorisch nach Erklärung verlangt. Schnell kommt das Bedürfnis nach einem einordnenden Kommentar auf und man wünscht sich mehr Informationen über die genutzten Quellen, über ihren Entstehungskontext, über die einzelnen Protagonistinnen und ihren lebensgeschichtlichen Hintergrund. Die Verweigerung einer autoritativen Führung erweist sich andererseits als kluge Strategie der Autorinnen. Konfrontiert mit beeindruckenden Bildern und Personen, werden die Filmbetrachter selbst zu Forschenden, deren Fragen in Hypothesen und neue Fragen münden. Auf diese Weise entwickelt der Film eine Sogwirkung und befördert die produktive Rolle der Zuschauerinnen und Zuschauer. Das im Mittelpunkt stehende Phänomen bleibt indes in mehrerlei Hinsicht rätselhaft. Das Zusammenspiel etwa von Biss/Stich, Vergiftung, Symbolkomplex und psychogener Erkrankung. Oder die Frage nach Wirksamkeit und Dauer der Tanztherapie und der Rolle der Musik bei diesem Prozess. Auffällig ist zudem, dass ausschließlich Frauen von der ‚Tarantelbesessenheit‘ betroffen zu sein scheinen, ohne dass der Gender-Aspekt, mithin die Sozialstruktur Süditaliens, eigens thematisiert wird.[3] Tarantism Revisited geht es allerdings nicht um medizinethnologische Erklärungen. Vielmehr wird der Tarantismus als vielschichtige offene Form porträtiert, die es marginalisierten Frauen erlaubt, psychische Spannungen, seelische Verletzungen, Aggressionen und Frustrationen tanzend auszuleben. Der performative Raum des Tarantismus ist potenziell ein Raum weiblicher Selbstermächtigung. So zumindest lässt sich die Deutung des Phänomens durch die beiden Autorinnen verstehen.

Anja Dreschke & Michaela Schäuble ist ein überaus beeindruckender Filmessay gelungen, dem ein breites Publikum zu wünschen ist. Wirkungsvoll in Szene gesetzt sind hier mehrfache Wieder- und Neuentdeckungen: die Wiederentdeckung einer nicht mehr existenten Lebenswelt und verblassten Religionskultur im Süden Italiens; die Wiederentdeckung des Tarantismus als ein fast vergessenes Kapitels der Religions- und Medizinethnologie; die Wiederentdeckung einer einflussreichen kinematographischen Tradition, die sowohl für die Geschichte des ethnographischen Dokumentarfilms wie für die Geschichte des italienischen Spielfilms relevant ist; die Neuentdeckung der Nachkriegsgeschichte der italienischen Ethnologie, die im Moment ihrer Selbstfindung ihrerseits das ‚andere‘ Italien neu entdeckte.

Peter J. Bräunlein, Göttingen

  1. Der Aufsatz, erstmals 1962 in der Zeitschrift Antaios (2, 105–124) erschienen, fasst die Forschungsergebnisse zusammen, die de Martino 1961 als Monografie unter dem Titel La Terra del Rimorso. Contributo a una storia religiosa del sud (Mailand: Alberto Mondadori) veröffentlichte.

  2. Annabella Rossi war Teilnehmerin an der ersten Expedition de Martinos nach Apulien und veröffentlichte 65 Briefe von Michela Margiotta, einer bildungsfern und ländlich aufgewachsenen Frau, aus denen Dreschke & Schäuble auswählten (Rossi 1970). Anna ist das im Film genutzte Pseudonym.

  3. Tarantelbesessenheit scheint jedoch nicht immer eine reine Frauenkrankheit gewesen zu sein. In seiner religionshistorischen Spurensuche zum apulischen Tarantismus wertet de Martino eine Quelle des 17. Jahrhunderts aus, in der mehrheitlich von männlichen Erkrankten berichtet wird (De Martino 1982).

    Literatur

    de Martino, Ernesto 1982. Zum apulischen Tarantismus. In de Martino, Ernesto (ed) Katholizismus, Magie, Aufklärung. Religionswissenschaftliche Studie am Beispiel Süd-Italiens. München: Trikont-Dianus: 216–223.

    de Martino, Ernesto 2016. Land der Gewissenspein. In van Loyen, Ulrich (ed) Der besessene Süden. Ernesto de Martino und das andere Europa. Wien: Sonderzahl: 238–254.

    Rossi, Annabella 1970. Lettere da una tarantata. Bari: De Donato.

    Schäuble, Michaela 2016. Von der Passion und Poetik des „Wahren“. Betrachtungen zum audio-visuellen documentarismo demartiniano. In van Loyen, Ulrich (ed) Der besessene Süden. Ernesto de Martino und das andere Europa. Wien: Sonderzahl: 105–134.

    van Loyen, Ulrich (ed) 2016. Der besessene Süden. Ernesto de Martino und das andere Europa. Wien: Sonderzahl.

    Cite as: Bräunlein, Peter J. 2026. Anja Dreschke & Michaela Schäuble 2024. TARANTISM REVISITED. Curare. Journal of Medial Anthropology. 48 (2025) 1–2: 231–234. DOI: 10.60837/curare.v48i1-2.8818.